Was ist guter Sex? Diese Frage ist gar nicht so einfach zu beantworten, wie Sie hier vielleicht bereits gelesen haben. Es gibt keine objektiven Maßstäbe, um die Qualität von Sexualität zu messen – und das braucht es auch gar nicht. Da Sexualität sich ein Leben lang verändert, ist das sexuelle Empfinden auch immer anders und es ist unterschiedlich, was subjektiv als „gut“ empfunden wird.

Das Schöne an Sexualität ist, dass sie sich nicht nur von selbst verändert, sondern es auch möglich ist, hier aktiv an der Erweiterung des eigenen sexuellen Lebens beizutragen. Das ist nicht nur sinnvoll für alle, die ihre Sexualität als nicht zufriedenstellend empfinden, sondern ist prinzipiell für alle Menschen wertvoll. Warum das so ist, soll folgendes Beispiel verdeutlichen.

All die schönen Tasten.

Stellen Sie sich ein Klavier mit 88 Tasten vor. Auf diesem Klavier funktionieren zwar alle Tasten, Sie verwenden aber immer nur die selben drei Tasten. Sie genießen das Spielen dieser drei Tasten. Ihre Auswahl an Liedern, die gespielt werden können, ist jedoch nicht sehr groß. Sie sind aber zufrieden damit.
Eines Tages fragen Sie sich jedoch, welche Töne die anderen Tasten von sich geben. Sie entscheiden, diese auszuprobieren und erkennen, welch wundervolle Klänge Ihr Klavier spielen kann. Von diesem Tag an verwenden Sie immer wieder neue Tasten. Ab und zu kehren Sie jedoch zu Ihrem alten Lieblingslied mit drei Tasten zurück. Sie wissen ja, dass Sie jetzt die Wahl haben.

Um den eigenen Körper und verschiedene Erregungsmöglichkeiten nutzen zu können, braucht es manchmal Übung.

Deshalb macht es Sinn, die eigene Sexualität immer wieder zu reflektieren und neue Dinge im eigenen Lustkoffer aufzunehmen. Eine Sexualberatung bietet neben vielen anderen Themen die Möglichkeit, die eigene Sexualität gemeinsam zu betrachten und zu erfahren, welche Erweiterungsmöglichkeiten es gibt.

Über sowas redet man nicht!

Nicht alle Menschen können oder wollen in eine Beratung gehen und über ihre Sexualität sprechen. Und das ist absolut in Ordnung. Glücklicherweise gibt es viele Bücher, die sich damit befassen, zu „besserem“ Sex zu gelangen. „Besser“ bezieht sich auch hier wieder auf das subjektive Empfinden.

Nicht alle dieser Bücher sind jedoch wirklich sinnvoll. Damit Sie einen Überblick über Bücher erhalten, die aus meiner Erfahrung als Sexualberaterin hilfreich und qualitativ hochwertig sind, stelle ich hier immer wieder Bücher rund um das große Thema Sexualität vor.
Den Anfang hat das Aufklärungsbuch für Erwachsene von Henning, Ann-Marlene, Keiser, Anika: Make More Love.* gemacht. Als Zweites folgte das Übungsbuch von Siller, Nicole: Finde deine Lust! Das Praxisbuch für die weibliche Sexualität.*.

Coming soon.

Heute geht es weiter mit Schiftan, Dania: Coming Soon. Orgasmus ist Übungssache.*, das bereits am Titelblatt folgendes verspricht:

In 10 Schritten zum vaginalen Höhepunkt

Ich bin in meiner Arbeit als Sexualpädagogin und Sexualberaterin sehr häufig mit der veralteten Ansicht, der klitorale Orgasmus sei weniger wichtig als der vaginale Orgasmus, konfrontiert. Deshalb bin ich bei diesem Versprechen am Cover des Buches doch etwas stutzig geworden.
Dania Schiftan stellt jedoch auf den ersten Seiten klar, dass diese Unterscheidung, wie Sigmund Freud sie vor langer Zeit getroffen hat, veraltet und falsch ist. Aufgrund der Größe der Klitoris sind fast alle Orgasmen klitorisbedingt. Das Empfinden kann sich unterscheiden, wenn der Orgasmus in der Vagina ausgelöst wurde und nicht an der Klitorisperle an der Vulva. Prinzipiell gilt jedoch, dass jeder Orgasmus sich unterschiedlich anfühlt.

Schiftan stellt aber auch klar, dass es auch in der Vagina eigene Nerven gibt, die zu einem Orgasmus führen können, der unabhängig von der Verbindung der Klitoris zum Gehirn ist. Deshalb macht es Sinn, diese Nerven näher kennenzulernen.

Mit dieser Erklärung macht die Hervorhebung des vaginalen Orgasmus abseits von Sigmund Freud durchaus Sinn. Außerdem wird der außen an der Klitoris verursachte Orgasmus in diesem Buch sehr positiv dargestellt, was auch den Ansichten Freuds‘ widerspricht.

Als Einstieg in Coming Soon. Orgasmus ist Übungssache.* dient eine Geschichte eines Gesprächs der Autorin mit einer Freundin. Diese Freundin fragt Schiftan, was an ihr „kaputt“ sei, weil sie nie vaginale Orgasmen bekäme. Diese Geschichte finde ich gut gewählt, weil sie aufzeigt, welche Ängste und Gedanken viele Frauen* zum Thema Orgasmus haben.

Schiftan geht in diesem Buch auf sehr viele wichtige Themen ein, beispielsweise auf kindliche Sexualität und darauf, warum Frauen* sich als Kind weniger angreifen und welche Auswirkungen das später auf die eigene Sexualität haben kann. Auch die Risiken einer Vulvalippenoperation bespricht sie.

Bei der Wahl der Bücher, die ich hier empfehle, sind mir einige Kriterien wichtig. Anhand derer gemessen erfüllt das Buch leider bei weitem nicht alle Punkte. So ist das Buch leider vollkommen binär und heteronormativ. Schiftan verwendet keine gendersensible Sprache und schreibt „dein Partner“. Das finde ich schade, denn die sexuelle Orientierung hat nichts damit zu tun, ob jemand einen vaginal ausgelösten Orgasmus empfinden kann oder will. Dabei wäre es so einfach gewesen, das Buch für alle Personen mit Vagina zu schreiben, indem auf gendersensible Sprache geachtet wird.

Warum ich das Buch dennoch empfehle, ist, weil die Aufklärungskapitel und die hier vorgestellten Übungen sehr hilfreich sind.

Die Grafiken, die verwendet werden, sind sehr gut und anschaulich gelungen. Auch bei der Wahl der Begriffe bin ich großteils zufrieden. Sie verwendet beispielsweise das Wort Geschlechtslippen. Obwohl sie auch immer wieder von Schamlippen schreibt, erklärt sie, wieso sie diesen Begriff nicht gut findet. Wieso sie den Begriff dennoch immer wieder verwendet, kann ich nicht nachvollziehen. Schade finde ich, dass sie die Vagina als Schlauch bezeichnet.

Besonders gelungen finde ich die 10 Schritte, also die Übungen, die zu mehr Empfinden beim Aufnehmen in die Vagina führen sollen. Dania Schiftan arbeitet in ihrer Sexualberatungspraxis nach dem Konzept Sexocorporel, das auch ich in meine Arbeit einfließen lasse.
Die Übungen beginnen damit, den eigenen Körper kennenzulernen, beispielsweise mit Vulva und Vagina abtasten und die eigene Vulva zeichnen.
Auch die anderen Übungen und Praxistipps gefallen mir sehr gut, sei es die Orgasmuscheckliste, die Bewegungsübungen, das Fantasietagebuch oder die Beckenschaukel inklusive Grafiken.

Besonders sinnvoll fand ich den Überblick aller Übungen am Ende des Buches, denn dieser macht das Üben nach Lesen des Buches viel leichter.

In jedem Kapitel gibt es eine Sammlung an häufig gestellten Fragen zu den Übungen. Das hilft sehr, ebenso wie die Fallbeispiele aus der Sexualberatung, die es in jedem Kapitel gibt und die Mut und Motivation bringen.

Obwohl das Buch sich mit dem vaginal ausgelösten Orgasmus beschäftigt, geht Schiftan näher darauf ein, dass erst das Lösen von einem Orgasmuszwang, also der Weg vom OrgasMUSS zu einem OrgasKANN, den Weg zu einem Orgasmus bereitet. Das finde ich insbesondere in solch einem Buch sehr wichtig zu betonen, um Stress zu vermeiden.

Als Beckenbodenkursleiterin freut es mich natürlich immer, wenn der Beckenboden viel Erwähnung findet, weil dieser sehr wichtig für das sexuelle Empfinden ist. In diesem Buch widmet sich ein ganzes Kapitel dem Beckenboden und er wird auch an anderen Stellen miteinbezogen. Die Erklärung ist prinzipiell sehr gut gelungen, ich hätte mich aber über eine Grafik gefreut.

Kritisch sehe ich an diesem sonst gelungenen Buch, dass Sex oftmals mit Geschlechtsverkehr gleich gesetzt wird. Ein vaginaler Orgasmus ist auch ohne Penis möglich. Außerdem spricht Schiftan von Penetration und Eindringen, was ich persönlich als zu gewaltvoll empfinde. Ich finde, dass der Begriff „Aufnehmen“ schöner ist und meistens eher der Wahrheit entspricht.
Außerdem ist das Buch sehr darauf fokussiert, eine Partnerschaft zu haben. Deshalb möchte ich an dieser Stelle betonen, dass es keine Partnerschaft braucht, um ein subjektiv empfunden „gutes“ Sexualleben zu haben.
Dennoch finde ich es gut, dass dieses Buch auch einen kleinen Übungsteil für Männer* bietet, weil die Erweiterung der eigenen Sexualität immer auch Auswirkungen auf eine mögliche Partnerschaft hat und es gut tut, die andere Person miteinbeziehen zu können.

Trotz der störenden Heteronormativität dieses Buches finde ich Coming Soon. vom Aufbau, den Übungen und Erklärungen her sehr gelungen und empfehlenswert. Es eignet sich für Frauen*, die etwas Neues lernen und ihre Sexualität erweitern wollen und sich dabei nicht davor scheuen, sich selbst zu befriedigen. Da die Übungen darauf aufbauen, neue Übungen in die Selbstbefriedigung einzubauen, betont Schiftan, dass all jene, die sich bisher nicht selbstbefriedigt haben, nun damit anfangen sollten. Das kann für manche Menschen ein sehr großer Schritt sein, weshalb dieses Buch womöglich für diese Personen nicht passend ist.

Für alle anderen bietet es eine spannende Reise zur eigenen Sexualität!

 

*Das ist ein Affiliate Link. Durch das Klicken werden Sie direkt zum Onlineshop von Thalia weitergeleitet und bei Kauf des Buches erhalte ich eine kleine Vergütung. Für Sie ändert sich aber nichts! Ich werbe ausschließlich für Produkte, die ich selbst getestet habe und von denen ich überzeugt bin.

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gefühls*echt
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