Ich habe ja bereits Aufklärungsbücher für Kinder ab 4 Jahren und ab 5 Jahren vorgestellt und damals gemeint, dass der Unterschied nicht wahnsinnig groß ist. Bei Kindern ab 6 Jahren, um die es hier geht, ist das schon ein bisschen anders. Einerseits interessieren sie sich für dieselben Themen, andererseits wissen sie oft schon ein paar Dinge, die 4-jährige vielleicht erst erfahren.

Nicht zu vergessen ist auch, dass sehr viele 6-jährige Kinder bereits in die Schule gehen. Auch wenn sie nicht sofort selber ihre Bücher lesen können, tut sich da in der Entwicklung schon einiges.

Die besonders interessanten Themen sind aber auch hier wieder der menschliche Körper, Schwangerschaft und Geburt bis hin zum Geschlechtsverkehr und Gefühlen. Mit all diesen Themen befasst sich das Buch, das ich Ihnen heute vorstellen möchte.

Ich möchte nochmals daran erinnern, dass alle Kinder und alle Bedürfnisse unterschiedlich sind und die Altersangaben der Verlage nur als Richtwert dienen. So kann es sein, dass auch jüngere Kinder dieses Buch lieben, während es 6-jährige gibt, denen es zu umfangreich ist. Glücklicherweise findet man recht schnell heraus, ob es ihnen gefällt oder nicht. 😉

Welche Kategorien mir für die Auswahl der Bücher wichtig sind, können Sie gerne hier nachlesen.

Ein Vorlesebuch

Kling, Marc-Uwe: Der Tag, an dem Papa ein heikles Gespräch führen wollte.* ist ein Vorlesebuch, das zu einer Bücherreihe gehört. In diesem Teil geht es – wie könnte es anders sein? – um das spannende und peinliche Thema Aufklärung.

Ich fand den Titel bereits vielversprechend und auch das Cover hat mir gleich mal gut gefallen, weil jede Bezugsperson von Kindern nachvollziehen kann, wieso der abgebildete Vater peinlich berührt aussieht, während die ganze Familie ihn neugierig ansieht.

In der Geschichte geht es darum, dass die Eltern der Hauptfigur Tiffany ein romantisches Wochenende planen und die Kinder herausfinden wollen, was das überhaupt bedeuten soll. Als die Eltern in Erklärungsnot geraten, kommt die 17-jährige Tochter mit ihrem Freund vorbei, die einen gemeinsamen Zeltausflug planen. Der Vater nutzt diese Gelegenheit, um ein Aufklärungsgespräch zu führen, was ihm aber nicht sonderlich gut gelingt. Eigentlich möchte er den beiden nur sagen, dass sie verhüten sollen. Spätestens bei seinem Vergleich von Geschlechtsverkehr mit einer Steckdose und einem Stecker muss die Tochter einspringen, weil die gesamte Familie – insbesondere Tiffany – verwirrt ist. Die Tochter spricht dabei von heterosexuellem, vaginalpenetrativem-prokreativem Sexualverkehr, bei dem die Vagina den Penis aufnimmt, und weist ihren Vater darauf hin, dass normale Menschen nicht Mumu sagen, sondern Vulva. Dazu passend gibt es Grafiken der Genitalien mit einer Auflistung einiger Spitznamen.

Apropos Grafiken… Die Illustration der Eierstöcke und des Uterus sind nicht ganz korrekt, es steht aber dabei, dass das Bild keinen Anspruch auf Vollständigkeit hat. Das ist schön und gut, aber wenn man ein Aufklärungsbuch schreibt, sollten Körperteile korrekt dargestellt werden. Insbesondere die biologisch männlichen Genitalien sind recht vereinfacht dargestellt. Allgemein gefallen mir die Grafiken aber sehr gut. Die Bilder in diesem Buch sind durchaus divers – es sind verschiedene Körperformen zu sehen, auch wenn die Hautfarben recht ähnlich sind.

Besonders gefallen hat mir, dass auch die ständigen romantischen Wochenenden der Großeltern angesprochen werden und so das Tabuthema Sexualität und Alter angesprochen wird. Das ist zwar nicht unbedingt etwas, das sechsjährige Kinder besonders spannend finden, es zeichnet aber ein sexpositives Bild von Sexualität, das sehr wichtig ist. Ich finde, dass dieses Buch allgemein sehr sexpositiv und lustorientiert ist.

Nachdem mir wichtig ist, dass Aufklärungsbücher nicht nur heteronormativ sind, habe ich den Satz der Tochter „Ich muss mich echt für meine heteronormativen Eltern entschuldigen.“ sehr gefeiert. Es werden die Themen sexuelle Orientierung und auch Klischees, die mit lesbischen Menschen verbunden werden (Stichwort Pornografie) klar angesprochen.

Tiffany versteht von diesem Gespräch übrigens recht wenig und ist durch die ganzen Fremdwörter verwirrt. Außerdem fragt sie sich, ob ihre Eltern bei drei Kindern wohl echt dreimal Sex hatten. Der Vater meint daraufhin, dass Sex Lust und Spaß machen soll, damit Babys gezeugt werden, woraufhin der Opa ihn sofort unterbricht und meint, dass die Natur das sicher nicht eingerichtet hat, sondern es auch unabhängig von Fortpflanzung Spaß macht.

Auch Consent und Verhütung werden thematisiert – übrigens (Achtung, Spoiler!) mit dem Fazit, dass die Tochter sagt, dass sie ohnehin bereits öfter Geschlechtsverkehr hatte und dabei natürlich immer verhütet hat.

Alles in allem kommen in diesem sehr humorvollen Vorlesebuch wenige, aber dafür wichtige Themen der Sexuellen Bildung vor. Außerdem zeigt es anhand von Tiffanys Reaktionen, wie missverständlich unklare und peinlich berührte Erklärungen ankommen können und wie wichtig es ist, klare Worte zu verwenden.
Ich finde das Buch sehr gelungen, auch wenn ich es schade finde, dass es bei solchen Themen meist die Väter sind, die als Dummies dargestellt werden.

Ein Buch von Hebammen

Meyer, Irene/Struck, Dagmar/Wille, Betti: Fisch und Schokolade. ist genau das, was der Titel verspricht, nämlich „ein Buch von Hebammen über Schwangerschaft, Geburt, Familie und Freundschaft“. Ja, all diese Themen sind in diesem Buch zu finden.
Und so ist es nicht verwunderlich, dass das Buch 71 Seiten hat. Mal schnell vor dem Schlafengehen vorlesen geht damit nicht mehr so gut, was bei Aufklärungsbüchern auch je nach Kind nicht immer ratsam ist, weil danach viele Fragen in den Köpfen der Kleinen herumschwirren, die raus wollen und auf eine Antwort hoffen. Blöde Mischung, wenn man eigentlich grad ins Bett bringt. 😉

Das Buch ist in Bezug auf verschiedenste Familienformen divers gestaltet. Lea, die Hauptfigur des Buches, hat zwar heterosexuelle Eltern, aber es kommt auch eine Nachbarin vor, die alleine ein Kind bekommt. Der One Night Stand, bei dem sie schwanger wurde, wird im Buch natürlich kindgerechter umschrieben.

Die Beschreibung, was Geschlechtsverkehr ist, ist sehr schön gelungen und lustbetont, was ich immer sehr wichtig finde. Ich persönlich würde Geschlechtsverkehr nur nicht anhand der Eltern erklären… Und „Liebemachen“ ist aus meiner Sicht sowieso ein irreführendes Wort für Kinder.

Obwohl ich verstehe, dass das Wort „Pimmel“ für Kinder (und auch für viele Erwachsene) sehr lustig ist, finde ich es merkwürdig, mehrfach von „Papas Pimmel“ zu schreiben.

Umso begeisterter bin ich von den Erklärungen von Eisprung, Befruchtung und Pubertät, auch wenn manche Erklärungen in diesem Buch für manche 6-jährige zu schwierig oder zu detailliert sein können. Darauf gilt es beim Vorlesen des Buches zu achten. Die Grafiken, die für die Erklärungen verwendet werden, sind aus meiner Sicht sehr gut gelungen.

In diesem Buch steht übrigens die Hausgeburt im Mittelpunkt, auch wenn die Geburt im Krankenhaus erwähnt wird. Dadurch bietet dieses Buch eine wunderbare Grundlage, um Geschwisterkinder auf eine mögliche Hausgeburt vorzubereiten.

Hier gibt es tatsächlich praktische Tipps, wie man eine Hausgeburt im Vorhinein besprechen kann.

Die Geburt selbst wird sehr ausführlich erklärt. Spätestens hier merkt man, dass  moderne Hebammen beim Verfassen des Buches am Werk waren, denn die wenigsten Menschen sprechen davon, ein „Baby herauszuschieben“ statt von pressen, was ich als Beckenbodentrainerin echt toll finde. In bisherigen Aufklärungsbüchern habe ich auch noch keine Beschreibungen von Dammnaht und Plazenta erlebt. Ich als Erwachsene fand diese Erklärungen sehr spannend, auch wenn ich denke, dass nicht alle Kinder an so vielen Details interessiert sind. Insbesondere die Grafik der Plazenta und das Besprechen, was mit ihr passieren soll nach der Geburt, ist durchaus mutig. Als Vorbereitung auf eine Hausgeburt, bei der das Geschwisterkind dabei sein soll, ist es aber umso wichtiger, auch diese Dinge zu besprechen, um mögliche Überraschungen und Verwirrung vorzubeugen.

Auch Ängste von werdenden Geschwistern, Komplikationen in der Schwangerschaft und mögliche Hormonschwankungen nach der Geburt, aber auch das Kondom werden hier thematisiert.

Was ich leider wirklich furchtbar fand und weshalb ich sogar kurz überlegt habe, ob ich das Buch hier empfehlen soll, ist der Teil, in dem Lea sich einen Jungen als Nachbar wünscht, um mit ihm Mutter, Vater, Kind spielen zu können. Das ist mir wirklich zu heteronormativ, binär und noch dazu ziemlich unnötig. Ebenso unnötig finde ich übrigens die mehrfache Erwähnung von Cola für ein Kind im Volksschulalter…

Auch sonst ist das Buch leider sehr heteronormativ, binär und nicht divers. Nachdem aber die Grafiken und Erklärungen sehr gut gelungen sind und das Buch viele Themen behandelt, die in anderen Büchern ausgelassen werden, finde ich es dennoch empfehlenswert.

 

*Das ist ein Affiliate Link. Durch das Klicken werden Sie direkt zum Onlineshop von Thalia weitergeleitet und bei Kauf des Buches erhalte ich eine kleine Vergütung. Für Sie ändert sich aber nichts! Ich werbe ausschließlich für Produkte, die ich selbst getestet habe und von denen ich überzeugt bin.

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gefühls*echt
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