Im Juli 2019 wurde im Nationalrat der Entschließungsantrag zum Verbot externer Sexualpädagog*innen an Österreichischen Schulen angenommen. Auslöser*in der Diskussion waren die sogenannten „Teenstar-Leaks“ der Wochenzeitung „Der Falter“. Die Zeitung veröffentlichte Ausbildungsinhalte für Vortragende des Vereins Teenstar, in denen unter anderem  Homosexualität als therapierbare Krankheit und Selbstbefriedigung als Ausdruck schädlicher Ichbezogenheit bezeichnet werden.

Nach der Veröffentlichung war Sexualpädagogik ein heiß diskutiertes Thema. Erst wollte der damalige Bildungsminister Heinz Faßmann ein Akkreditierungsverfahren für externe Vereine einführen, später folgte der Entschließungsantrag von FPÖ und ÖVP, der ein Verbot externer Expert*innen an Schulen fordert. Die Begründung für dieses Verbot ist die Angst einer Indoktrinierung von Schüler*innen. So müsse ein „staatlicher Sexualkundeunterricht … in sachlicher, kritischer und pluralistischer Weise erfolgen“, lautet es im Antrag.

Liest man diesen Antrag und insbesondere den zitierten Satz, könnte man meinen, es ginge den Antragstellenden darum, Kinder und Jugendliche zu schützen. In der Praxis geht es aber um eine Defacto-Abschaffung qualitätsvoller Sexualpädagogik. Für viele Schüler*innen wird durch diesen Entschluss der gesamte schulische Sexualkundeunterricht verloren gehen, weil sich niemand für das Thema verantwortlich fühlt.

Sexualpädagogik, wie sie der Grundsatzerlass des Bildungsministeriums aus dem Jahr 2015 vorsieht, soll nämlich weit mehr sein, als über die Anatomie der Geschlechtsorgane zu sprechen oder alle Geschlechtskrankheiten auswendig zu lernen. Dort wird Sexualität als Teil des menschlichen Entwicklungsprozesses definiert.

Eine reine Vermittlung von biologischem Basiswissen ist daher keinesfalls ausreichend für einen modernen Anspruch einer umfassenden Sexualpädagogik. Und dazu gehört nun mal, echte Lebenshilfe zu bieten und klarerweise das Sprechen über Gefühle und Lust.

Lust… Lust? Lust!

Ist Lust etwas, worüber Schüler*innen üblicherweise gerne mit ihren Lehrenden sprechen? Oder Sie mit Ihrem*Ihrer Chef*in? Jemandem, der deine Leistungen beurteilt? Wohl eher nicht. Natürlich gibt es hier Ausnahmen. Fakt ist jedoch, dass es viele Schüler*innen gibt, die persönliche, oft schambehaftete und intime Fragen rund um Sexualität, Körper und Gefühle nicht mit jenen Personen besprechen wollen, die auch für die Notengebung zuständig sind. Menschen, die sie ständig sehen, die in einem Machtverhältnis zu ihnen stehen und sie womöglich auch mal maßregeln. Weil es Schüler*innen eben doch wichtig ist, was Lehrer*innen über sie denken, auch wenn es im Schulalltag nicht immer so wirken mag.

Aber auch umgekehrt ist das Verbot externer Sexualpädagog*innen grenzüberschreitend – nämlich den Lehrenden gegenüber. Als Sexualpädagogin kann ich nachvollziehen, dass es gewöhnungsbedürftig ist, vor einer Klasse über Sexualität zu sprechen. Dazu braucht es viel Hintergrundwissen und noch viel mehr Selbstreflexion und Supervision. Nachdem die Curricula für Lehrende keine umfassende sexualpädagogische Ausbildung enthalten und es auch wenig Angebote zu Supervision gibt, ist das schwierig.

Natürlich wäre es schön, wenn Sexualität kein tabuisiertes Thema wäre und wir alle frei darüber sprechen würden. Dennoch finde ich es schwierig, lehrende Personen die Verantwortung über die schulische sexuelle Bildung ganz alleine zu überlassen. Man kann und sollte niemanden dazu zwingen, im Unterricht mit Schüler*innen, die sie ständig sehen und benoten, über Lust, Scham und Gefühle zu sprechen.

Die Wichtigkeit von Sexualpädagogik ist bei vielen Menschen in Österreich noch nicht angekommen. In einem sexualpädagogischen Workshop geht es nicht nur darum, wie Geschlechtsverkehr funktioniert. Es geht in erster Linie um Selbstbestimmung. Es geht darum, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen, um die eigenen Grenzen zu spüren und zu wissen, dass es gut und wichtig ist, diese klar zu kommunizieren. Sexuelle Bildung soll junge Menschen stärken und informieren. Sie ist ein wichtiger Teil der Gesundheitsförderung und der Gewaltprävention. Ziel ist es, dass Konsens, gesunde Beziehungen, gelingendes Miteinander, Respekt und Selbstbestimmung keine unbekannten Phänomene sind. Sexualpädagogik unterstützt Kinder, Jugendliche, aber auch Erwachsene dabei, das alles zu erfahren und kennenzulernen, statt sich alle Informationen aus dem Internet zu holen.

Das Internet als einzige Quelle für Sexualität zu nutzen, führt dazu, worüber viele Erwachsene schimpfen – nämlich zur „Generation Porno“, die denkt, dass nur Geschlechtsverkehr „echter Sex“ ist und Sex immer nach einer bestimmten Reihenfolge abläuft. Bis sie in der Sexualität mit einer anderen Person womöglich erkennen, dass es doch nicht ganz so abläuft…

Ich liebe meine Arbeit als Sexualpädagogin, sowohl mit Erwachsenen als auch mit Kindern und Jugendlichen, weil ich es schön finde zu sehen, wie neugierig Kinder, Jugendliche und Erwachsene sind. Wie viele Fragen sie haben. Wie froh sie sind, mal abseits der gesellschaftlichen Scham über Sexualität sprechen zu dürfen. Das alles darf ihnen nicht weggenommen werden.

Hier finden Sie einen Brief der Österreichischen parlamentarischen Gruppe für sexuelle und reproduktive Gesundheit und Rechte mit dem aktuellsten Stand des Entschließungsantrags. Denn nein, es gibt kein Verbot externer Sexualpädagog*innen an Österreichischen Schulen! Damit das auch so bleibt, können Sie qualitätsvolle Sexualpädagogik unterstützen.

Was Sie tun können, um qualitätsvolle Sexualpädagogik zu unterstützen?
  1. Reden Sie mit so vielen Menschen wie möglich über das Thema!
  2. Posten Sie Kommentare und Erfahrungen auf redmadrueber.jetzt.
  3. Unterschreiben Sie die Petition.
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gefühls*echt
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