Nachdem es für Jugendliche ab 14 Jahren einige Aufklärungsbücher gibt, die es trotz meiner strengen Kategorien hier her geschafft haben, kommt heute Teil 2 der Buchempfehlungen für diese Altersgruppe. Teil 1 und was Sexuelle Bildung bei Jugendlichen ab etwa 14 Jahren braucht, finden Sie hier!

Wenn Youtuberinnen* Bücher schreiben…

Bei meinen Buchrecherchen bin ich nur durch Zufall auf Witton, Hannah: Untendrumherumreden – Alles über Liebe und Sex. gestoßen, weil es zu diesem Zeitpunkt noch relativ neu am Markt war. Umso glücklicher bin ich, dass ich es entdeckt habe, denn es ist – Achtung, Spoiler – sehr empfehlenswert!

Hannah Witton ist eine Youtuberin aus Großbritannien, die sich dem Thema Sexualität angenommen hat. Bei den meisten Youtuber*innen, die über Sexualität reden, führt das dazu, dass kichernde Personen vor der Kamera über Sexpraktiken sprechen, die die wenigsten Jugendlichen wirklich anwenden. Diese Channels wollen oftmals schockieren und befassen sich nicht mit den Lebenswelten der Zielgruppe.
Bei Hannah ist das glücklicherweise anders. Sie erzählt zwar sowohl auf Social Media als auch in ihrem Buch von eigenen Erfahrungen, versucht aber immer sehr offen und wertschätzend auf die Zuschauer*innen und Leser*innen einzugehen.
Seit sie selbst einen künstlichen Darmausgang hat, berichtet sie auf Social Media übrigens viel darüber, auch in Bezug auf Sexualität.

Und das ist wohl eines DER Tabus unserer Gesellschaft!

In Untendrumherumreden befasst sie sich mit allen möglichen Themen, die Jugendliche ab etwa 14 Jahren interessieren können: Verhütung, Pornos, Selbstbefriedigung, Sexting, Drogen und Sex und so weiter. Besonders schön fand ich, dass das Buch mit einem Kapitel über Respekt, gesunde Beziehungen und Konsens beginnt, weil diese Themen aus Hannahs Sicht die Basis von allem sind.

Humorvoll und augenöffnend fand ich in diesem Kapitel den „Wurmschwanztest“, bei dem sie berühmte Filmszenen als gewaltvoll und übergriffig entlarvt. Es geht dabei darum, sich vermeintlich romantische Filmszenen mit aus gesellschaftlicher Sicht attraktiven Männern* anzusehen und sich vorzustellen, ob die Szene immer noch romantisch wäre, wenn Wurmschwanz aus Harry Potter das machen würde.

Kurzum: Der Test funktioniert ziemlich gut!

Auch Gewalt in Beziehungen thematisiert sie im ersten Kapitel und erklärt, welche Hilfemöglichkeiten es für Betroffene gibt. Dieses Thema ist mir in meinen Recherchen nur selten untergekommen, obwohl es so wichtig ist.

Hannah geht in ihrem Buch sehr sensibel vor, wenn es um LGBTQI*-Themen geht. So sagt sie von sich selbst, keine Expertin, sondern ein Alli, also eine Verbündete zu sein und lässt lieber Personen zu Wort kommen, die hier persönliche Erfahrungen gemacht haben. Außerdem wird im gesamten Buch das Gendersternchen verwendet – im Gegensatz zu vielen anderen Büchern durchgängig und nicht nur ab und zu!

Ein bisschen kurz geraten sind die Kapitel über Biofacts und Schwangerschaftsabbruch. Beim Kapitel über Verhütungsmethoden hätte ich mir ein paar Bilder gewünscht. Auch eine kurze Erklärung des weiblichen* Zyklus wäre an dieser Stelle fein gewesen. Ein weiterer Kritikpunkt ist die Verwendung des Begriffs Schamlippen, auch wenn das eher ein Übersetzungsfehler ist.

Das gesamte Buch ist sehr humorvoll und jugendlich geschrieben, ohne auf unauthentische Weise Jugendsprache zu verwenden. Ab und zu kann es für manche Jugendliche zwar doch etwas kompliziert sein, aber das ist sehr individuell zu sehen.

Nachdem Hannah Influencerin ist, erzählt sie in ihrem Buch sehr persönliche Geschichten, beispielsweise von Trennungsschmerz, schief gelaufenen Dates und ihrem ersten Mal Geschlechtsverkehr. Ich finde es in diesem Buch durchaus passend, weil sie immer betont, dass das ihre persönlichen Erfahrungen sind und das sehr individuell ist.

Ich persönlich arbeite ja sehr körperzentriert und hab mich deshalb sehr gefreut, dass es in einem Buch für Jugendliche ein Kapitel über Körperwahrnehmung gibt. Außerdem finde ich die Erklärung von PMS und die Tipps, wie man damit umgehen kann, sehr gelungen, auch wenn ich hier nicht von „kinderleicht überstehen“ schreiben würde, weil es so rüber kommen kann, als würde man die damit verbundenen Schmerzen nicht ernst nehmen. Hannah erklärt aber gleich darauf den Unterschied zwischen PMS und dem Krankheitsbild PMDS, wodurch starke Beschwerden nicht relativiert, sondern ernst genommen werden.

Die rechtlichen Informationen in diesem Buch bilden die Rechtlage in Großbritannien ab und wurden in der deutschen Übersetzung nicht angepasst. Das sollte bedacht werden, auch wenn es im Buch angemerkt wird.

Trotz mancher kleiner Kritikpunkte bin ich ein absoluter Fan dieses Buches – auch für Erwachsene! Das Buch gibt wunderbare Einblicke in Themen, die auch für viele Erwachsene neu sein könnten und die ein bisschen zeigen, welche Themen viele Jugendliche beschäftigen.

Das 1×1 des Feminismus

Korbik, Julia: How to be a girl: stark, frei und ganz du selbst. ist kein klassisches Aufklärungsbuch, denn hier geht es eher um Feminismus. Nachdem Feminismus und Selbstbestimmung in Bezug auf sexuelle Bildung jedoch sehr wichtig sind und zwischendurch auch Biofacts besprochen werden, hat es das Buch hier her geschafft.

Wieso ein Buch über Feminismus in einem glänzend rosa Einband daher kommt, kann ich nicht nachvollziehen und ich glaube auch, dass das der Autorin nicht so ganz gefallen würde. Julia Korbik betont zwar, dass rosa, Ballett und andere klischeehaft mädchen*behaftete Interessen in Ordnung sind, es aber darum geht, nicht in Schubladen gedrängt zu werden, was das Cover irgendwie tut.

In How To Be A Girl geht es um die Geschichte des Feminismus, Körper und Selbstbestimmung, Geschlechterrollen und Aufklärung. Außerdem werden Schönheitsideale, Werbung und Konsum thematisiert und die Themen Sexismus und sexuelle Gewalt praxisnah besprochen.

Im LGBTQI*-Alphabet werden die einzelnen Begriffe genau erklärt. Dennoch kommt das Buch großteils binär rüber. Überhaupt finde ich die Aussage „Du entscheidest deine sexuelle Orientierung.“ überaus fragwürdig.
Obwohl es ein Kapitel über Buben und Feminismus gibt, finde ich, dass immer wieder  ein Unterton gegen „die bösen Männer“ bemerkbar ist.

Merkwürdig und nicht sonderlich feministisch finde ich negative Aussagen wie „Mädchen sein ist anstrengend.“ Einerseits finde ich, dass es Mädchen*, die dieses Buch lesen, ziemlich stresst, weil was sollen sie mit der Aussage jetzt anfangen? Andererseits finde ich, dass das so nicht stimmt. Die Aussage passt allerdings zum immer wieder mal belehrenden Unterton des Buches, den ich nicht angebracht finde.

Sehr gut gefallen mir die Steckbriefe von Feministinnen*, bei denen auch eine Transfrau dabei ist. Nur die Formatierung ist hier manchmal kompliziert, wenn mittem im Fließtext auf der nächsten Seite ein Steckbrief kommt und es dann erst mit dem Fließtext weiter geht.

Im Aufklärungskapitel geht es um Sexualität und Selbstbestimmung, Biofacts, Menstruation und Masturbation. Das ganze ist sehr kurz gehalten und ist nicht vollständig, aber es geht in diesem Buch eben nicht ausschließlich um Sexualaufklärung. Schade finde ich, dass von Schamlippen geschrieben wird.
Die Sexmythen, die hier entlarvt werden sollen, benötigen meiner Meinung nach mehr Erklärung. Durch den hier verwendeten Sarkasmus könnten manche Mythen nämlich als Tatsachen verstanden werden.

Obwohl How To Be A Girl kein klassisches Aufklärungsbuch ist, finde ich es für Jugendliche, die sich für Feminismus interessieren, empfehlenswert, um Einblicke in gesellschaftliche Ungleichheit und Feminismus zu erhalten.

Ebenfalls nicht klassisch aufklärerisch ist Klengel, Katja: Girlsplaining.* Dieser Comic zeigt Alltagssituationen rund um Gleichberechtigung, Geschlechternormen und Feminismus.

Katja behandelt in ihren sehr schönen Comics wichtige Themen auf sehr humorvolle Art und Weise. So gibt es Comics zu den Themen Erstes Mal, Kinderkriegdruck, Rasur, gegendertes Spielzeug etc. Sie spricht viele Ängste an, die aus meiner Sicht zwar auch Jugendliche, aber vor allem Erwachsene betreffen.

Lustig finde ich ihren stark erkennbaren Sailormoonfaible und ihre ganzen Fernsehanspielungen. Nachdem viele Jugendliche diese ganzen Serien und Filme allerdings nicht mehr kennen, bin hier wohl eher ich die Zielgruppe dafür.

Katja thematisiert in einem der Comics die Wichtigkeit von Aufklärung und stellt die Angst vor dem „Untenrum“ sehr lustig dar – Stichwort: You Know Who. Sie geht auf das Thema Menstruation und damit verbundene starke Beschwerden ein und geht dem Geheimnis der Klitoris mit einem sehr positiven und humorvollen Zugang auf den Grund. Außerdem geht es um weibliche Lust und Theorien von Sigmund Freud und deren Auswirkungen auf die gesellschaftliche Sicht auf weibliche Lust. Wieso sie meint, dass durch Penetration die Klitoris nicht stimuliert wird und Penetration somit nur für Männer* gut ist, kann ich als Sexualberaterin allerdings nicht nachvollziehen.

Katja erzählt in diesen Comics sehr viele persönliche Geschichten, was ich durchaus passend finde. Schade finde ich nur die Horrorstory vom Ersten Mal, weil diese Jugendliche sehr verschrecken könnte. Außerdem wird der Orgasmus hier sehr hoch bewertet, was auch wieder Druck machen kann.

Die Comics sind großteils binär gehalten. Lediglich am Beispiel Sailormoon wird Trans* angesprochen.

Trotz mancher Kritik finde ich das Buch sehr gelungen, weil es auf humorvolle Art Themen anspricht, die vielen Jugendlichen und Erwachsenen neu sind. Girlsplaining bietet also die Möglichkeit, sich auf kurze und lustige Art mit Ungleichheit, Geschlechterklischees und Feminismus auseinanderzusetzen.
Besonders schön finde ich den Brief an ihr 15-jähriges Ich am Ende des Buches. Obwohl das Buch laut Verlag ab 14 Jahren ist und es für diese Zielgruppe gut tauglich ist, finde ich es für Erwachsene passender.

 

*Das ist ein Affiliate Link. Durch das Klicken werden Sie direkt zum Onlineshop von Thalia weitergeleitet und bei Kauf des Buches erhalte ich eine kleine Vergütung. Für Sie ändert sich aber nichts! Ich werbe ausschließlich für Produkte, die ich selbst getestet habe und von denen ich überzeugt bin.

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gefühls*echt
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