Üblicherweise teile ich die Aufklärungsbücher, die ich rezensiere, in Altersgruppen ein. Heute weiche ich davon ausnahmsweise ab. Einerseits sind die Altersangaben ohnehin nur als grobe Richtlinien zu verstehen und andererseits passen die beiden folgenden Bücher unabhängig von der Altersempfehlung zu gut zusammen, um sie getrennt von einander zu rezensieren. Beide handeln nämlich von einem Kind namens Runa und beide sind vom selben Autor geschrieben und im Eigenverlag veröffentlicht worden.

„Runas Geburt“ eignet sich meiner Meinung nach für Kinder ab etwa drei Jahren – natürlich je nach Kind.
In diesem Bilderbuch erfahren Kinder und Vorlesende, wie das Kind Lisa die Schwangerschaft ihrer Mutter und die Geburt ihrer Schwester Runa miterlebt. Es werden die Themen Schwangerschaft und Geburt anhand verschiedenster Geburtsszenen beschrieben und Kinder erfahren, dass es Hausgeburten, Krankenhausgeburten, Wassergeburten und verschiedenste Geburtspositionen gibt. Die detailreichen Grafiken der Geburtspositionen finde ich hier besonders gelungen, weil sie sehr realistisch sind. Auch die Vorlesegeschichte ist durchaus gelungen.

Wer meine bisherigen Rezensionen gelesen hat, weiß jedoch, dass es bei mir immer auch Kritik gibt. Und davon gibt es einige…

Zuerst einmal etwas zur Grafik: Die Schrift ist teilweise schwer zu lesen, weil die Schrift in den Bildern untergeht.

Nun zum Fachlichen: Das Buch ist leider binär, heteronormativ und nicht divers – alle abgebildeten Personen sehen mehr oder weniger gleich aus. Somit entspricht es eigentlich nicht meinen doch sehr strengen Kriterien.
Außerdem finde ich, dass ein Buch über Geburten auch die große Frage „Wie kommt das Baby in den Bauch?“ beantworten sollte. Das tut „Runas Geburt“ definitiv nicht. Schade!

Wieso ich das Buch hier dennoch vorstelle? Weil das ganze in „Erzähl mir nix vom Storch“ etwas anders aussieht und beide Bücher – wie anfangs erwähnt – für mich irgendwie zusammen gehören.

„Erzähl mir nix vom Storch“ wird zum Vorlesen ab sechs Jahren und zum selber Lesen ab zehn Jahren empfohlen. Hier begleiten wir Runa, die mittlerweile acht Jahre alt geworden ist, auf einen Kanutrip mit ihrer Patentante Liv. Liv ist Hebamme und erzählt Runa jeden Abend eine Geschichte aus ihrer Arbeit.

Was mir sofort positiv aufgefallen ist, ist die gendergerechte Sprache, die hier verwendet wird. Außerdem werden verschiedenste Familienformen, beispielsweise eine Regenbogenfamilie, eine Patchworkfamilie und eine Ein-Eltern-Familie thematisiert. Eine Hebammengeschichte befasst sich damit, dass eine Gebärende gehörlos ist. Auch die Themen Heiminsemination und künstliche Befruchtung werden unaufgeregt angesprochen. Wer übrigens ein Buch über Heiminsemination für jüngere Kinder und mit passenden Grafiken sucht, wird in „Zwei Mamas für Oscar“ fündig.

In diesem Buch wird nun endlich auch Geschlechtsverkehr erklärt, wenn auch sehr kurz und ungenau. Wieso hier allerdings steht, dass eine Eizelle nur an wenigen Tagen bereit für die Befruchtung ist, kann ich nicht nachvollziehen. Sie ist nämlich korrekterweise maximal einen Tag lang „bereit“.

In den Hebammengeschichten erfahren Kinder sehr viel und detailliert über mögliche Vorsorgeuntersuchungen und Ultraschall, wie ein Kreißzimmer aussieht, welche Geburtspositionen es gibt und wie eine Geburt ablaufen kann. Auch der Kaiserschnitt wird genau thematisiert, ebenso wie das Thema Fehlgeburt. Sehr berührend fand ich die Erzählungen von einer Geburt in einem Flüchtlingslager. Hier sollte jedoch genau abgewogen werden, wie das Kind, dem vorgelesen wird oder das selbst liest, mit dieser Geschichte zurecht kommt.

Zwischendurch fand ich das Buch etwas langatmig, aber das ist vermutlich Geschmackssache. Die wenigen Grafiken lockern das Buch auf und sind sehr schön gelungen. Davon würde ich mir mehr wünschen.

Was auch in „Erzähl mir nix vom Storch“ bleibt, ist die binäre Ansicht auf Geschlechter. Beim Thema Heiminsemination wird beispielsweise erklärt, dass die verwendete Spritze so ähnlich wie ein Penis ist. Diesen Zusatz hätte es schlichtweg nicht gebraucht.

Ich finde beide Bücher durchaus gelungen, auch wenn sie in einigen Punkten nicht meinen Kriterien entsprechen. Im Gegensatz zu vielen Mainstreambüchern großer Verlage zeichnen „Runas Geburt“ und „Erzähl mir nix vom Storch“ ein realeres Bild auf die Themen Schwangerschaft und Geburt, was mich dazu gebracht hat, sie hier vorzustellen und zu empfehlen. Gleichzeitig sehe ich insbesondere bei „Runas Geburt“ einiges an Überarbeitungspotential.

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gefühls*echt
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